Samstag, 8. August 2009

Der Identitätsverlust der Soaps - Zwischen Telenovela und Reality-Wahn

Derzeit herrscht ja immer noch ein kleines Sommerloch bei den deutschen Daily-Soaps, weswegen ich mich dieser Tage ein wenig mehr mit den neuen US-Serien beschäftige [um das auch mal zu erklären], doch ein Thema beschäftigt mich dann doch was mit keine Ruhe mehr lässt - der Identitätsverlust unserer lieben Soaps.
Gerade der kommende Start von der "Melrose Place"-Neuauflage in den USA hat mir mal wieder bewusst gemacht, wie Soaps einst aussahen und wodurch sie sich auszeichneten. Auch bei vielen deutschen Daily-Soaps war mal ein Style vor zu finden, der uns teils unglaubliche - aber unterhaltene - Stories geliefert hat, die mitunter ganz schön abgedreht waren.
Die Macher erinnern sich heute an diese - vor allem - Anfangszeiten ihrer Formate nur noch mit Magenschmerzen zurück, während diese Geschichten bei Fans zu wahren Klassikern geworden sind. So ist es bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" beispielsweise immer wieder der Strumpfhosen-Mörder, der es Nostalgikern ganz besonders angetan hat. Der Serienmörder hat in der Soap im Herbst 1993 einige Nebenrollen und auch Hauptrollen auf dem Gewissen gehabt, indem er sie mit einer Strumpfhose ermordete. Bizarr - auf jeden Fall, doch ganz Deutschland fühlte sich damals grandios unterhalten und rätselte wochenlang, er der brutale Mörder war.
Auch bei "Verbotene Liebe" kam es zu einer ähnlichen bizarren Geschichte, als Tanja von Anstetten (Miriam Lahnstein) im Jahr 1998 gleich zwei Rollen ermorden konnte. Beide Todesfälle ließ sie wie Selbstmord aussehen. Tanja zwang so Cleo Winter (Dinah Alice Schilffarth) sich in der Badewanne die Pulsadern aufzuschneiden und ließ sie in einem Blutmeer aus Rosenblättern zurück. Eine Story, die bis heute mit Erzählungen in die Soap-Geschichte eingeht. Bei Cleos damaligen Freund Tim Sander (Roland Pfaus) zieht Tanja dann das gleiche Szenario durch. Während zwei gute Menschen hier mit ihren Leben bezahlen mussten, bleibt Intrigantin Tanja am Leben und darf heute noch Leute [in abgemildeter Form] das Leben zur Hölle machen.
Dies sind nur mal zwei Beispiele von Stories, die heute sicher nicht mehr möglich wären. Jedenfalls nicht in dieser Form. Oder kann sich irgendwer im Berliner Kiez von "GZSZ" einen Serienmörder vorstellen? Viel zu verfressen scheint man hier von realitätsnahen Schicksalen zu sein oder Themen, die gerade im Main-Stream angesagt sind. Wie auch immer dort verfahren wird sicher ist, dass die Geschichten nicht mehr so abgedreht wie früher sein dürfen. Während man bei "Marienhof" und "Unter uns" dann schon länger drauf bedacht war den natürlichen Alltag einer Gruppe von Leuten zu zeigen [zwischenzeitliche Psychos, Aliens und andere Bedrohungen mal ausgeschlossen], machen die Produzenten und Autoren "Verbotene Liebe" immer mehr zu Deutschlands längster Telenovela. Denn dort wo damals mal ein Mix aus raffinierten Intrigen und komplizierten Liebesgeschichten an der Tagesordnung stand, geht es heute in erster Linie um ein Traumpaar, was man so lange wie möglich versucht von einander fernzuhalten. Intrigen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle und wirken gerade zu blass gegen die Kämpfe und Rivalitäten vergangener Zeiten.
So gibt es keine richtige Soap-Diven, wie einst Clarissa von Anstetten (Isa Jank) oder Tina Zimmermann (Sandra Keller), mehr und auch sonst scheinen viele Rollenprofile, die für eine Soap in Frage kommen, ausgestorben zu sein. Heute scheint Soap keine Richtung mehr zu sein. Entweder man entscheidet sich für die langanhaltende Telenovela-Variante mit viel Schmalz oder für die harte Realität, die im Fernsehen so präsent geworden ist. Ausnahmen gibt es da nur noch selten. Die Geschichte um Maria Galdi aus diesem "Verbotene Liebe"-Jahr wäre da wohl zum Beispiel eine.
Letzten Endes gibt es aber auch noch Deutschlands jüngste Soap - "Alles was zählt", die eigentlich schon eine Ausnahme an sich darstellt. Hier erleben wir soviel Soap-Drama, wie kaum anders wo. Machtkämpfe, Liebschaften, die ganz großen Intrigen und eine Hand voll unglaublicher Geschichten, die man unmöglich im eigenen Alltag finden würde. Halt eigentlich die ursprüngliche Definition, was viele Leute am Anschauen einer Seifenoper dachten. "Alles was zählt" kann diese Aussage noch am ehesten treffen [und erfreut sich wohl auch deshalb großer Beliebtheit]. Die anderen leiden leider immer mehr an einem Identitätsverlust, der sich wohl kaum noch aufhalten lässt. Eine Weiterentwicklung ist zwar gut und schön - doch das Verfälschen des eigenen Genres ist etwas, was uns eigentlich den Ursprung raubt.

Kommentare:

  1. Ich schaue ja zeitgleich auch die Classics von VL, UU und GZSZ Folge auf Passion. Und um ehrlich zu sein, sehe ich den Unterschied nur bei GZSZ. Verbotene Liebe und Unter Uns sind, meiner Ansicht nach, noch ziemlich ähnlich zu ihren Urfolgen vom Stil her. Mit einer Ausnahme: Die Storylines heute dauern viel länger, was manchmal besser und manchmal schlechter ist.

    Seb

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  2. Ach so, nochmal genauer, was ich damit sagen will. In letzter Zeit, ich zähle mal rund das letzte Jahr auf, liefen bei VL u.a. folgende Stories:

    - Die mit Maria/Francesca, die Du ja erwähnt hast
    - die vergiftete Babynahrung
    - Sophias Entführung durch Adrian
    - der versuchte Mord an Kitty Kübler durch Tanja und die damit verbundene Verhaftung Nathalies und Erpressung Ansgars
    - Die Waffenschiebereigeschichte

    Keine der Stories sehe ich als realitätsnah oder im Tellenovelastil, und in allen Stories außer der Waffenschieberei kamen die "Bösen" letztlich mehr oder wneiger mit ihren Plänen durch.

    Bei Unter Uns, dass in der Hinsicht nie so extrem war wie Verbotene Liebe (das meine ich völlig wertneutral, kommt halt drauf an, welchen Stil man eher mag) liefen der Mord an Lara, mehrere Auftritte des toten Björn als Geist, die Geschichte mit dem psychopathischen Frisör Fred, Rolfs Mordversuch an Pia und nun im Gegenzug die Vergiftung Irenes durch Pia. Das sind alles durchaus soap-typische und unrealistische Geschichten.

    Also die Mischung scheint mir da nach wie vor da zu sein, bloß sind die Storylines alle so lang, dass die Pausen zwischen realistischeren und unrealistischeren größer wirken.

    Seb

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  3. Hey Seb,
    erstmal danke für dein Feedback. Natürlich hat da jeder seine Meinung, aber ich denke schon, dass bei "Verbotene Liebe" ein größerer Unterschied zu alten Folgen zusehen ist.

    So waren z.B. die von dir aufgezählten Intrigen aus dem vergangenen "VL"-Jahr - außer die Maria-Geschichte - alles Nebenhandlungen, die noch dazu mehr oder weniger gelungen waren.

    Von der Story mit den Waffenschiebern haben wir eigentlich nie viel gesehen. Nur den immer wieder gleich ähnlichen Dialog von Tanja/Ansgar, wie man denn Carla schlagen will.

    Und auch bei Nathalies Verhaftung und den Mordanschlag an Kitty, stand wohl eher die Liebe zwischen Ansgar und Nathalie im Vordergrund - die durch eine Intrige erneut getrennt wurden. Der Mordanschlag selbst spielte überings dabei so gut wie gar keine Rolle.

    Und der Hang von "Verbotene Liebe" besteht nun mal darin auf verzwickte Liebesgeschichten zu setzten. Den nehmen den Großteil der Serie ein, scheinen endlos und nehmen der Serie eigentlich die von dir erwähnte Mischung.

    Grüße, Lukas

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